Sonntag, 13. November 2016

Nackige Affen

Es ist so verdammt heiß. Ich kann nicht anders.

In kleinen Tropfen rinnt der Schweiß von meinem Nacken über mein nacktes Schlüsselbein, verfehlt den Nippel meiner linken Brust nur knapp, gleitet die Rundung entlang weiter, perlt über den Bauch, verschwindet zwischen meinen Schenkeln ...

... und schlägt auf meinem linken Fuß auf, wo er sich zwischen all die anderen Tropfen mischt. Ein Glühen.

Warme Füße, richtig warme Füße. Damit hatte ich erst mit meinem Einzug in die Hölle gerechnet. Nun habe ich ein anderes Mittel entdeckt. Es nennt sich Sauna. Da sitze ich.

Ich soll mich hier entspannen.

Ich fussele irgendwie. Oder das Handtuch, mit dem ich mein Gesicht abtupfe. Einer von uns beiden fusselt.

Na. Irgendwas ist ja immer.

Ich soll mich hier entspannen.

Immer schön entspannen...

Ich soll mich entspannen. Los! Jetzt! 

Ich teile mir die heiße Kabine mit drei Herren. Die sind zusammen hier, die haben auch drei Ruheliegen direkt nebeneinander in Beschlag genommen. Als ich mir nach dem Abduschen noch ein heißes Fußbad genehmigte, verschwanden sie in der Sauna.

Als ich den Holzverschlag betrat, waren die drei Sanduhren an der Wand, die den Saunagängern die als ideal verstandenen 15 Minuten verinnende Zeit bezeugen sollen alle umgedreht und krümelten so vor sich hin. "Macht Sinn, alle Uhren zu benutzen, wenn man so zu dritt zeitgleich eine Sauna betritt", dachte ich, nahm mein Handtuch ab, breitete es aus und platzierte meinen Hintern drauf.

So sitze ich also hier. Ich schwitze. Sie schwitzen. Wir alle schwitzen. Wir alle sitzen. Das Trio mir gegenüber.

Der Pelzige starrt auf einen Punkt zwischen seinen Füßen. Er tropft und tropft. Mehr macht er nicht.

Der Schrumplige ... nun ja, seines in der Haut versenkten Zeichens ist er der schrumpligste der drei ... starrt den Langen neben sich an. Der räuspert sich. Dann holt er aus. Er hat seine Akten mal wieder sortiert, sagt er. "Was?!", fragt der Schrumplige. Der Lange wendet sich ihm zu und wiederholt. Laut und deutlich. "Was?!", wiederholt daraufhin der Schrumplige.

Der Lange dreht sich wieder zur Mitte und starrt mit zusammen gekniffenen Augen auf die Wand mit den Sanduhren, schiebt das Kinn vor und lässt es enttäuscht sinken. Der Moment der Stille währt kurz.

Er habe während dieser Aufräumaktion interessante Papiere in die Hand bekommen, schildert der Lange. Der Schrumplige starrt ihn von der Seite an. Der Pelzige verdreht die Augen.

1998 hat er für einen Kubikmeter Erdaushub mit Entsorgung und allem Drum und Dran laut Akten umgerechnet 80 Euro bezahlt. "Ich hab das wegen der Anschaulichkeit schon mal umgerechnet", wendet er sich an den Schrumpligen und den Pelzigen - als erwarte er Lob.

Der Schrumplige starrt ihn ohne jede weitere Regung mit großen Augen an. Der Pelzige schüttelt den Kopf. Der Lange kneift die Augen zusammen.

Und fährt fort.

Im Frühjahr habe er nun 220 Euro für die gleiche Leistung bezahlt, verdeutlicht der Lange. "Ich hab das Schwarz auf Weiß, ich weiß, was da dahinter steckt", hebt er seine Stimme noch eines an. "Was?!", fragt der Schrumplige.

"Nee, falsche Frage, bitte nicht!", denke ich.

"Ja, richtig!", jubiliert der Lange aufs "Was?!" hin. Der Pelzige und ich stützen unseren Kopf in beide Hände, blasen die Wangen auf und prusten die Luft aus, dass die Lippen kurz vibrieren.

Also jeweils. Jeder für sich.

"Da ist es mir egal, was die sagen, alles ist teurer geworden. Das habe ich in den Akten", echauffiert sich der Lange. Er hat seinen Oberkörper voll aufgerichtet, das Stimmvolumen nimmt dadurch ein bisschen zu. "Die da bei der EZB haben doch keine Ahnung", wettert der Lange. Der Schrumplige starrt ihm auf den Mund, seine linke Hand knickt sein linkes Ohr noch etwas weiter vor. Der Pelzige sinkt noch eins weiter in sich zusammen.

"Das ist Inflation!", dreht sich der Lange weiter nach rechts dem Schrumpligen und dem Pelzigen zu. Der Zeigefinger seiner rechten Hand ist nach oben gereckt. "Das ist die reine Inflation, ich weiß das! Das ist wie '29. Die können mich nicht für dumm verkaufen!"

"Ja, na klar! Weil du ja ganz offensichtlich damals schon dabei warst, guck dich doch mal an!", denke ich, als ich auf einen seiner Hautlappen mit Pigmentflecken starre. Sogleich wird mir schlecht. Wobei ich nicht weiß, ob ich mich für meine üblen Gedanken schäme oder ob es der Anblick ist, wobei ich mich dann wiederum dafür schämen sollte ...

Gerade als ich hoffe, die Erde möge sich auftun und mich verschlingen, damit ich in der Hölle ewige Ruhe und Entspannung finde, steht der Pelzige auf und geht - wort- und grußlos.

"Is schon so weit?!", fragt der Lange. "Was?!", murmelt der Schrumplige. "Is schon so weit?!", wiederholt der Lange und deutet mit zusammen gekniffenen Augen und einem Nicken gen Sanduhren. "Was?!", fragt der Schrumplige.

"Also meine Zeit ist um!", winkt er einen Atemzug später und geht. "Brillen", hechtet der Lange hinterher, "Brillen sind auch teurer geworden, speziell wenn man so sehschwach ist wie ich. Ich habe da noch Belege und ich habe umgerechnet wegen der Anschaulichkeit, da erkennt ihr es ganz deutlich!"

Dienstag, 18. Oktober 2016

Das schönste Gefühl der Welt

Wohlwollend formuliert: Sie zieht eine Schnute. In Wirklichkeit: Es ist ein Flunsch. Meine kleine Nichte ist vier Jahre alt. Sie sitzt auf einem Stuhl in einer Küche in einem Ort mitten im Nirgendwo Brandenburgs - dieser Ort ist für mich besser bekannt als der schönste Ort auf Erden. Und sie zieht einen Flunsch. 

"Ich habe Langeweile", verkündet meine Nichte und zieht damit mal für einen kurzen Moment ihre Mundwinkel nach oben, lässt die Schultern gleichzeitig noch tiefer sinken. Dann flunscht sie weiter. "Das ist doch schön", sagt ihr Vater, mein ältester Bruder. "Genieß es. Du wirst nie wieder Langeweile haben, wenn du erwachsen bist."

Mein Bruder ist der klügste Mann auf Erden, denke ich. Recht hat er ja auch oft. In diesem Fall bestimmt. Ist man erwachsen, kommentiert man vielleicht einige Dinge mit "Laaaaaaangweilig!" und findet einige Dinge auch wirklich langweilig. Diverse Arbeiten auf Arbeit und im Haushalt. Diverse Produktionen im Fernsehen. Einige Bücher. Oder Bücher grundsätzlich. Vielleicht geht man sogar so weit, bestimmte Menschen langweilig zu finden. Oder die eigene Beziehung und/oder das Sexleben. Vielleicht führt man ein langweiliges Leben oder meint, ein langweiliges Leben zu führen. Aber wirkliche echte Langeweile, eine wie meine Nichte sie gerade hat, hat man nicht.  Pure Ödnis im eigenen Tun und Denken ist fremd und fern, wenn man erwachsen ist.

Es gibt immer was zu tun. Oder - schlimmer noch - was zu denken. Einfach mal mit einem Flunsch auf einem Küchenstuhl sitzen zu können und die pure Langeweile zu empfinden, das ist uns Erwachsenen nicht mehr vergönnt. Wenn man erwachsen ist, geht man arbeiten und verdient Geld, um Rechnungen und Dinge zu bezahlen, die einem das Leben als Erwachsener so einbrockt oder die man meint als Erwachsener haben zu müssen. Man denkt und denkt und denkt. Man macht und tut, und tut und tut. Macht und tut man mal nicht(s), denkt man über das nach, was man gemacht und getan hat oder noch machen und tun müsste ... und könnte ... oder sollte. Die Wohnung renovieren. Mehr Geld verdienen. Noch ein Projekt anschieben. Die Steuerunterlagen abheften. Den Kleiderschrank ausmisten. Einen Termin vereinbaren. Bei der Autoversicherung sparen. Fix noch Milch kaufen gehen.

Oder man pflegt ein Hobby. Nichtstun zählt für Erwachsene nicht als gutes Hobby. Alles darf aufkommen - bloß keine Langeweile. Man muss irgendwie immer irgendwas tun oder zu tun haben, wenn man erwachsen ist. Sich mit Leuten treffen. Sich unterhalten und unterhalten lassen. Ausgehen. Oder zum Sport. Wellness. Eine Gurkenmaske ist höher angesehen als Langeweile. Man muss was für die eigene Bildung tun. Man muss was gegen das kleine Bäuchlein tun. Einen Tatort sehen, über den am Montag auf Arbeit dann jeder spricht oder sprechen sollte. Man muss im Internet surfen und übellaunige Diskussionen bei Facebook verfolgen. Man muss informiert sein. Oder man meint zu müssen.

Aber niemand gibt zu, dass man sich mal auf den Küchenstuhl setzen, dem Vakuum Raum geben und so richtig Langeweile haben müsste. Es gibt dann nichts zu tun und man hat nichts zu denken. Es ist nichts los. Das schönste Gefühl der Welt.

Freitag, 23. September 2016

Besoffene Räder

Das wäre jetzt alles nur halb so stressig, wenn ich vernünftige Unterhosen tragen würde. „Deine Schlübber geht ja gar nicht mal übern Po“, wird meine vier Jahre alte Nichte in ein paar Tagen mahnen. Noch ahne ich nichts davon.

Es ist Samstag in Brandenburg. Morgens. 5 nach 9. Ich bin allein und sitte das Haus meiner Familie. Bruder, Schwägerin, Neffen und die Nichte mit dem erhobenen Zeigefinger, der auch noch am letzten bisschen Schlübberstoff zupft, sind im Urlaub.  Die vergangenen sieben Tage war ich allein und es ist gar nichts passiert.

Also es ist schon was passiert. Die Sonne ging auf und unter. Wolken haben sich übers Blau geschoben. Die Hühner haben draußen im Garten gepickt. Die Katzen haben rumgelegen. Ich hatte im Kern der Sache nicht viel mehr zu tun, als meinen Stoffwechsel zu betreiben. Es ist wirklich nichts passiert.

Auch nicht in diesem meiner Generation so blöde anhaftenden Selbstfindungssinne, bei dem man über sich und das eigene Leben nachdenkt, als gehöre das so pflichtgemäß zur Existenz wie Rechnungen bezahlen und arbeiten gehen. Will heißen: „In mir“ - man soll ja immer schön nach innen horchen - ist auch nichts passiert. Ich glaube, ich habe nicht mal nachgedacht. Da wäre nichts in mir zu hören gewesen. Ich war da. Sonst war nix.

Und nun bricht dieser Stress los. Es ist 15 nach 9. Ich habe einen wichtigen Termin. 9.40 Uhr kommt der rollende Bäcker ins Dorf. Ich brauche Brot. Der Stoffwechsel ruft danach. Und ich habe nur eine Schlübber an, die nicht mal den Po bedeckt und ein Shirt mit einem Fettfleck drauf. Okay. Ich bin in Brandenburg, aber so kann ich nicht die rund 300 Meter vor zum Stellplatz des rollenden Bäckers gehen. Eine Kittelschürze sollte ich mir wenigstens überziehen.

Ich habe keine. Es ist 22 nach 9, als ich diese Erkenntnis gewinne. Und Lust auf einen Kaffee. 26 nach 9 spuckt die Pad-Maschine mir die Tasse aus. Die Ereignisse überschlagen sich. Ich bedecke meinen Hintern mit einer Shorts. Ich schlürfe Kaffee.

Käffchen. Erstmal Käffchen.
Es ist 33 nach 9. Schulzens Bärbel - die Nachbarin, eine kleine Frau mit Grübchen und Rentenbescheid - rollt mit ihrem Fahrrad Richtung Verkaufsplatz an der Bushaltestelle los. Ich werde Schlange stehen müssen, meine Synapsen feuern grad wie wild. Schulzens Bärbel mit ihrem prallen Stoffbeutel am Lenker ist uneinholbar.

Schicker Lack. Aber keine Chance gegen Bärbel.

35 nach 9 steige ich aufs Rad. 36,5 nach 9 bin ich da. Schulzens Bärbel ist da, ein Dutzend anderer Frauen sind da. Gerade habe ich den Altersdurchschnitt auf 60 Jahre gedrückt. Ich grüße reihum alle und wünsche "Guten Morgen". Mit Nicken nimmt man mich zur Kenntnis.

39 nach 9. „Jetzt müsste er um die Ecke kommen“, sagt die Frau in der zerschlissenen Jeans. So weit ich mutmaßen kann, trägt sie eine ordentliche Schlübber. Zumindest eine, die den Po bedeckt. Kein Wagen zu sehen. 43 nach 9. „Nicht, dass die in Wiese wieder das ganze Brot wegkaufen“, sagt die in der Kittelschürze. Panik steigt in meinem Stoffwechsel auf.

46 nach 9. Ein Mann in Cordjacke, gerade eben stand er noch mit den kittelbeschürzten Damen unter dem Dach der Bushaltestelle, kommt auf mich zu. „Die Damen und ich, ja, wir rätseln grad“, deutet er auf vier Frauen hinter sich. „Wir rätseln, wer sie eigentlich sind!?“ Meinen Namen zu nennen, macht jetzt keinen Sinn. Ich wollte nie Zahnarztgattin werden, jetzt stelle ich mich vor als „Ich bin die kleine Schwester vom Steinmetz.“ 47 nach 9. Eine Diskussion bricht los. „Blöde Frage, sag mal! Das sieht man ja wohl, guckste mal die Oogen, der Schelm is drinne“, sagt die Frau in den zerschlissenen Hosen. „Dit is doch nich das erste Mal, dit die hier is“, zeigt Schulzens Bärbel dem Mann einen Piepvogel. Ihre Grübchen sind einen Zentimeter tief. „Na aber, wir waren uns jetzt nicht sicher, wir wohnen ja am anderen Ende vom Dorf“, verteidigt sich der Mann.

"Meine" Seite vom Dorf.
52 nach 9. „Läuft ein Graben durch mein Idyll? Ist dies ein zweigeteiltes Dorf?“, frage ich mich. „Der Thomas is doch in Frankreich“, erläutert Schulzens Bärbel kenntnisreich. 53 nach 9. Ein Fahrrad fällt um. Ein Beutel mit Birnen hing am Lenker. Schlecht fürs Gleichgewicht. Lecker Saft. Bärbel stürzt los, die gefallenen Früchtchen zu bergen. „Dein Fahrrad ist besoffen“, lacht die Frau in den Jeans.

„Is ja gar nich meins“, erwidert Bärbel und lacht noch lauter. „Is deins! Dein Fahrrad is besoffen!“ 54 nach 9. Wessen Fahrrad besoffen ist, kann vorerst nicht geklärt werden. Der Bäcker kommt. Ihm folgt das Fleischer-Mobil. 55 nach 9 haben beide die Wagen geparkt, die Klappen gehen auf. Vier Brote noch. Und fünf Frauen vor mir. Als ich über den Alkoholgehalt von Diamant-Rädern nachdachte, haben sich die alten Frauen von der Bushaltestellenbank wohl an mir vorbei geschoben.

58 nach 9. Die Frau vor mir kauft das letzte Sonnenblumenkernbrötchen. 59 nach 9. Ich wähle vier normale Brötchen aus der Palette von ganzen acht normalen Brötchen. Ich bin selig. Keine Wahl zu haben, ist schön. „Beutel?!“, fragt die Bäckersfrau. „Haste? Oder haste nich dran gedacht, wah?“, mischt sich Bärbel ein, „kannste aber meinen nehmen, hängt am Rad!“ Ich winke ab. Stolz recke ich meinen Stoffbeutel in die Höhe und die Bäckersfrau nickt. Anerkennend, meine ich. 

3 nach 10. Ich winke Schulzens Bärbel und wünsche einen schönen Tag. Sie fährt noch 15 Meter weiter. Ich biege ab. Ich schreibe meinem kleinen Bruder, was gerade alles passiert ist. Er sagt, ich soll mich erstmal ausruhen. Ich suche eine Schlübber mit Stoff überm Po und leg mich wieder hin. Hoffentlich passiert nix.

Samstag, 26. März 2016

Girly Talk

Irgendwann und irgendwo im Nirgendwo. Ein kurzes Wochenende in Brandenburg. Pure Weite für Auge und Herz. Geliebtes gelobtes Land. Ich teile die Matratze mit meiner Nichte. Fair. Natürlich. Sie bekommt 80 bis 95 Prozent. Und ich den Rest. Manchmal bekomme ich auch eine Hand ins Gesicht. Oder einen Knuff in die Nierengegend. 

Meine Nichte scheint in ihrer Großzügigkeit zu ahnen, dass man solch eine Nacht nicht lange unumstritten gut finden kann. Daher weckt sie mich kurz nach halb sieben. Morgens. An einem Sonntag. Das ist so nett. Zu diesem Zweck flüstert sie mehrfach "Tiiiiinäh". Als ich sie anblinzele und "noch füüünf Minuten" fordere, schlägt sie die Augen nieder. Danach atmet sie zweimal überdeutlich aus. Sie schnauft. Als trage sie die Last der ganzen Welt auf ihren noch nicht mal vier Jahre alten Schultern. 

"Wasnnnnn???" frage ich sie beim dritten Seufzer. Hätte ich mal besser nicht... 

Im Kindergarten. Also. Das ist so... Der Rocco, Rico, Leon, Dean, Torben oder irgendein Hendrik (ich habe nicht richtig zugehört, Asche aufs Haupt der Tante) macht es ihr offenkundig nicht leicht. Manchmal ist er ganz lieb zu ihr. Dann spielt er nur mit ihr, zum Beispiel Mutter-Vater-Kind. Und zwar nur mit ihr. Sie möchte - das möchte meine Nichte nicht unerwähnt lassen - später einmal fünf Kinder haben, wenn sie so groß ist wie ich. Das macht sie jedem Menschen klar. "Okayyyy", sage ich. Später wollen der Rocco, Rico, Leon, Dean, Torben oder irgendein Hendrik und sie vielleicht auch heiraten. "Na gut", sage ich. Ich fühle mich nicht munter genug, diesen Redeschwall durch meine Lebensweisheiten zu unterbrechen.

Aber dann wieder ist Leon-Dean-Torben-Hendrik nicht wirklich lieb zu ihr. Dann ärgert er sie sogar. Mit so kneifen und so. Da ärgert sie zurück (Stolz erfasst das Tantenherz). Und manchmal tut Dean-Torben-Leon sogar so, als sei sie gar nicht da (das Tantenherz schnaubt wütend aus). Sie macht das jetzt genauso, hat meine Nichte beschlossen. Das unterstreicht sie, indem sie jetzt aufsteht und sich grinsend ihrer Spielzeugkiste widmet. Ich schaue auf mein Handy. Ein "na du ... meld dich doch mal wieder" steht da. Als ob ich damit angefangen hätte. Kindergarten!

Sonntag, 13. Dezember 2015

WTT am Baum

Ich beanspruchte für mich lange den Titel "Weltbeste Tante Tine" (WTT). Ich beanspruche für meine Nichte und meine Neffen nach wie vor, dass es sich dabei um die welttollsten aller Kinder handelt. Sie sind - klar bei der Tante, naja und vermutlich vor allem wegen ihrer Eltern - unfassbar _ hier setzt man alle guten Charaktereigenschaften ein, die es so gibt _ Kinder. Wobei ... ein bisschen gemein sind sie auch ... von mir ham se das aber nich!

Ein Herbstnachmittag in Brandenburg (the place to be - steht hier). Wir - das sind meine Brüder und der kleine Neffe - spielen Eisenbahn. Mein zu diesem Zeitpunkt gut 13 Monate alter Neffe krabbelt sich am Ohr. Das ist das sichere Zeichen dafür, dass er müde ist. Ich schlage meinem großen Bruder - das ist der Vater des kleinen Wesens - vor, einen Spaziergang mit dem Knirps zu machen. Feine Sache, meint der Bruder. Dann schläft er bestimmt, beim Spazieren schläft er fast immer. Wenn ich diesen und jenen Weg nehmen würde, könnte ich auch gleich Äpfel frisch vom Baum mitbringen. Klar.

Der Kleine und ich machen uns auf den Weg raus aus dem kleinen Dorf. 500 Meter habe ich den Kinderwagen geschoben, da ist es ganz still vor mir. Ich glaube schon jetzt an den Schlaferfolg. Sekunden später dreht sich der Kleine um und guckt mich skeptisch an. Ich meine, ihn enttäuscht schnaufen zu hören. Ich gehe weiter. 500 Meter später dreht er sich wieder um. Ich meine, ihn mit den Schultern zucken zu sehen. 500 Meter später steht ihm Enttäuschung ins Gesichtchen geschrieben. Ja. Wir sind allein. Keine Mama. Kein Papa. Nur die Tante. Im Abstand von 500 Metern geht das Spiel weiter. "Tja", sage ich, "ich kann das halt nich so gut, dit weeßte doch. Dafür kann ich andere Sachen. Wenn du alt genug bist, gehen wir zusammen in die Kneipe!" Das Kind lächelt und dreht sich fortan nicht mehr um.

Wir schieben weiter. Über Feld- und Waldwege gelangen wir fast ins nächste Dorf und ich drehe wieder um. Wir kommen am Apfelbaum vorbei. Nur diesen kann der Bruder mit seiner Angabe gemeint haben. Wir halten an. Das Kind guckt neugierig aus seinem Wägelchen hervor. Ich recke mich den Äpfeln am Baum entgegen. Ich bin keine Giraffe, aber ich bin auch nicht klein - trotzdem ist kein Rankommen. Das Kind schmunzelt. Ich ziehe beherzt an einem der Äste, damit er weiter runter und mein anderer Arm an die Äpfel kommt. Fehlanzeige. Der Ast schnellt empor und wirft Laub auf mich. Das Kind zieht seinen Schnuller aus dem Mund, um mir ein breites Grinsen zu zeigen. "Ja, lach nur", sage ich, "wir machen gleich eine Räuberleiter und es ist noch nicht geklärt, wer unten ist!" Das Kind kichert. Ich gehe um den Baum und suche nach einer Stelle, um raufzuklettern. Ich finde eine und wage den Einstieg zum Aufstieg. Nur passt der Raum zwischen den Ästen nicht zur Größe meiner Füße, wie auch immer ich sie drehe. Ich komme nicht hoch, mein Hintern hängt nach unten, ich will mich Kraft meiner Arme nach oben ziehen, ich ziehe, ich mache, ich turne, ich tu ... ich plumpse nach unten. Arsch voran. Mir folgen Blätter und vier Äpfel. Das Kind lacht laut und biegt sich nach vorn. "Jahaahaha, lach du nur, du Gurke!" Ich glaube, das Kind hält sich sein Bäuchlein.

Wir schieben wieder ab. Wir lachen beide. Einen Apfel teilen wir uns, die anderen drei liefern wir ab. Dass das Kind nicht geschlafen hat, kommentiert der große Bruder mit "Man darf es nicht zu sehr wollen". Dass es nur drei Äpfel sind, kommentiert der große Neffe mit "Du hast die vollkommen falsche Technik beim Baumklettern!". Sein kleiner Bruder schläft lächelnd ein.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Hinter sich lassen

Schlafend wirkst du aus als wäre ein Baumstamm in mein Bett gefallen. Alle zwei Minuten schnarchst du grunzend auf. Gut. Als ich dich vorhin zum dritten Mal angestupst hab und nichts passierte, dachte ich für einen Moment, du hast dein Leben ausgehaucht. Und ich ein Problem. Ich wollte einen Eimer kaltes Wasser über dir ausschütten, dich bestrafen für all den Scheiß und mich erfreuen. Geht nicht. Ist ja mein Bett. 

Das sollte nicht mehr sein. Wir hatten mal eine "Freundschaft plus". Macht man so in unserer Generation. Friends with benefits, Freunde mit gewissen Vorzügen ... ein Anruf und nur Sex frei Haus geliefert. Heiß und gut. Die Gefühle bleiben kalt.

Sowas geht trotzdem immer schief. Bei uns mit großem Drama. Das hast du angezettelt. Und ich habe den Schlussstrich gezogen. Als ich mit meinen Brüdern drohte, war Ruhe. Wir hatten das geklärt, wir konnten Monate später doch wieder einfach nur Freunde sein. Und alles war (wieder) gut.

Und jetzt fängst du wieder an. Rufst nachts immer und immer wieder an, obwohl ich nicht rangehe. Klingelst nach Mitternacht an meiner Tür. Sagst, dass ich das nicht falsch verstehen soll, du die Fehler und Fehlinterpretationen nicht wiederholen wirst, es dir dieses Mal nur um Sex geht, nichts weiter. Nur Sex, keine Gefühle, keine Nähe, nur Sex. Das wird nicht passieren, das weißt du, sag ich. Never, sag ich. Never ever. Okay, sagst du. Setzt dich. Und erzählst von deinem Tag. Und dem davor. Und dem davor. Und dem davor. Und trinkst Wein. Du wühlst dich durch meine CD's und legst Boy ein. Ohhhhh, boy ...

Mein Musikgeschmack sei gut. Meine Anlage schlecht. Dein Frauengeschmack sei schlecht. Was Beziehungen betrifft. Der für die Kerben in deinem Bett nicht. Da sei ich aber nicht eingeritzt, sagst du, da gehöre ich nicht hin, ich sei zu gut. Aber deinen Jungs hast du trotzdem von uns erzählt. Denn ihr habt einen Deal: die, die der Kumpel mal im Bett hatte, die ist unantastbar für alle Zeiten. So ein Männerfreundschaftendingens. Kann ich nicht verstehen, sagst du, auch wenn ich ein krasser Typ bin. Mädchen, du hast keine Ahnung, sagst du. Dann lassen mich die Arschlöcher in Ruhe, versprichst du. Das sei Ehrensache. Und ich eine Prinzessin.

Ich bin müde. Das macht mich alles so müde. Ich geh in mein Bett, dämmere langsam weg. Mit der Decke kommst du von der Couch gekrabbelt. Nur kuscheln, mehr nicht, sagst du. Legst dich hin und greifst zu. Meine Rippen zwischen deinen Pranken, mein Bauch auf deinem. Fünf Minuten. Mein Kopf zwischen deiner Achsel und deinem Hals vergraben. Zehn Minuten. Drehen. Dein Bauch an meinen Rücken gedreht. Deine Hand in meine gegraben vor meiner Brust. Deine Hand auf meiner Hüfte. Dünn, sagst du, iss mehr. Das nächste Mal bringst du was mit, sagst du. Drehen. Meine Beine werden über deine gelegt, der Kopf auf deine Schulter und du grunzt zufrieden. Jetzt haben wir eine Kuschelschaft minus, oder wie? Jedes Mal, wenn ich mich wegdrehen will, ein "pssssssst, bitte bleib". Bis zum Morgengrauen.

Ich gehe. Einen Kaffee stell ich dir noch ans Bett und lass dich liegen.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Begegnung mit dem Yeti

Yeti.... Ich! Ich! Ich! Ich habe ihn gesehen. Er existiert. Wirklich.

Es ist ein Mann in brauner Cordhose, welche an den Knien leicht ausgebeult ist. Darüber trägt er einen Arbeitskittel in einem strahlenden Blaumannblau. Auf dem Kopf hat er eine Schiebermütze, aus der verschmitzt sein graues Haar blitzt. Er steht auf einer Leiter und repariert an der Front seiner Heimstatt. Er arbeitet konzentriert und blickt sich nicht um. Er merkt nicht, dass ich meinen schnellen Schritt abrupt unterbreche und wie angewurzelt stehe. Und die Augen aufreiße, bevor mir ein nervöses Grinsen über das Gesicht huscht. Ich greife zum Handy und nestle an der Kamerafunktion herum, schieße schnell ein Foto. Aus der Ferne. Ich traue mich das nicht aus der Nähe. Ich schicke das Bild meinem Bruder und er reagiert sofort: "dor yeti of se kleinstadt?!?!" Das seltsame Denglish erklärt sich vermutlich aus seinem nicht minder zwischen Euphorie und Schock gefangenen Zustand, dass mir der Fotobeweis gelungen ist.

Dieser Mann ist "Dreller, Klaus"* Der Mann, der nie existierte. Der "Bourne, Jason" meines, unseres Lebens. Eine Geschichte mit vielen Episoden. Eine Legende auf kleinem Raum. Der Mann, den niemand kennt. Ein Mann, den nie jemand gesehen hat. Mein Großvater hat oft von ihm erzählt. Ich habe nie an ihn geglaubt. In meiner Erinnerung hat Opa trotzdem fast jeden Tag von ihm gesprochen. Unbeirrt von meinem verzogenen Lächeln und den rollenden Augen, sobald die Sprache auf "Dreller, Klaus" kam. Ist es eine Frage der Generation oder der Kleinstadt? Mein Opa, über 90 Jahre alt, gehört zu denen, bei denen erst der Nachname und dann der Vorname genannt wird. Was schwieriger zu verstehen wird bei Menschen mit Vornamen-Nachnamen wie "Jacob" oder "Paul" oder "Klaus" ... 

Aber lassen wir das ... "Dreller, Klaus" gab es nur in dieser Wortkombination und er war für mich und meine Brüder lange ein belächeltes Phänomen im unentwegten Redefluss meines Opas. So wie wenn ich als Teenager von einer Freundin einer Freundin erzählte und eigentlich mich selbst meinte. Oder meinen Brüdern was Dummes passierte, weil der Freund von einem Freund das angeblich gemacht und auf sie geschoben hatte. Genau so hatte "Dreller, Klaus" für uns Stellvertreterfunktion. Was hatte der nicht alles schon gedacht und laut ausgesprochen, dieser "Dreller, Klaus"? Diese und jene Frau war wohl auch dabei. Feiern auch, mit Filmriss mitunter. Kleine Alltagsanekdoten türmten sich bei "Dreller, Klaus". Und so viel Wissen. Er war überall dabei, wenn die jüngere Weltgeschichte die Kleinstadt streifte und müsste demnach zirka 150 Jahre alt sein. Er konnte alles, der Dreller, zumindest wusste er alles mindestens besser. Und wenn Opa von ihm sprach, so glaubten wir, dass er von sich selbst sprach und sich Dreller nur ausgedacht hatte. Wie wir wurde auch unser Vater älter, fing an seine Kollegen erst beim Nach- und danach den Vornamen zu nennen und beteuerte eines Tages, dass "Dreller, Klaus" existieren würde. Darüber lächelten wir. Selbst eine Adresse nannte er, an der man den Dreller finden könne. Keiner von uns überprüfte das. Einen Mythos (zer)stört man nicht. Eine so schöne Lüge überführt man nicht. Und dann steht er plötzlich da. Auf der Leiter. Konzentriert und vertieft in seine Arbeit. Man stört ihn nicht. Man geht einfach weiter. Und teilt das Beweisstück nur mit seinen Lieben.

* Aus Rücksicht auf den Yeti habe ich seinen bürgerlichen Namen verfremdet.