Donnerstag, 22. Juni 2017

Nicht anfassen

Ich liege auf dem Bett eines Hotelzimmers und zappe durch das spärliche Angebot von Programmen in deutscher Sprache, weil ich Spanisch leider nicht kann. Und so muss ich mit ansehen, dass Lena Meyer-Landrut Moses Pelham umarmt. Oder ist es andersrum? Umarmt er sie? Keine Ahnung. Auf jeden Fall liegen sie sich in den Armen. Moses Pelham knuddelt Lena Meyer-Landrut. Das ist ein bisschen, als würde Farin Urlaub Helene Fischer herzen. Oder Angela Merkel Frauke Petry. Irgendwie muss es am Konzept der Sendung liegen. Der eine singt ein Lied des anderen Sängers. Und dann sind die scheinbar immer alle ganz gerührt und dann müssen die sich umarmen, auch wenn Lena Meyer-Landrut aus dem zornigen und kraftstrotzenden "Du liebst mich nicht" einen Helene-Fischer-Schlager gemacht hat und Moses Pelham jetzt eigentlich Sabrina Setlur anrufen müsste, um Frau Songcontest in Rödelheim in eine dunkle Ecke zu locken und ihr dort eine zu wamsen. 

Zwei Tage später reist ein Paar aus dem Hotel ab. Es herzt und drückt andere Gäste, Küsschen links und rechts, Herzherzknuddel. Als wären sie die besten Freunde. Zuvor hat das Paar ein, zwei Abende mit zwei anderen Paaren auf der Terrasse verbracht und man hat gemeinsam getrunken, was das All-inclusive-Paket so hergab. Beim Frühstück hieß es, man wolle noch Adressen und Telefonnummern austauschen. Dann hat die eine Frau ihre Telefonnummer leider "haha, ich hab richtig Urlaubslaune" vergessen und die andere Frau hatte gerade keinen Stift und auch "haha, es ist doch Urlaub" keine Lust, sich einen Stift an der Rezeption zu holen. Und die dritte Frau insistierte auch nicht. Aus dem Adresstausch wurde nix. Man will sich also eigentlich bloß nicht wieder, nicht mal postalisch begegnen - aber Hauptsache, man hat sich gedrückt, dass sich der Schweiß ordentlich vermischte. Weil man das so macht. 

Herzherzknuddelpfui 

 

Man umarmt sich eben. Gehört sich jetzt wohl so. Alle umarmen alle. Menschen, die sich keine fünf Minuten Lebenszeit kennen, umarmen sich. Menschen, die sich - aus gutem Grund - nur einmal im Vierteljahr oder nicht mal das sehen wollen, umarmen sich. Menschen, die unabhängig voneinander befragt eher übereinander lästern als sich wertzuschätzen, umarmen sich. Wenn man zu einer Party kommt und erst recht, wenn man diese wieder verlässt: Umarmung, auch wenn man sich nur mal zugeprostet hat. Geburtstag - auch, wenn man im ganzen Leben noch keine fünf Minuten mit dem Geburtstagskind geredet hat -: Umarmung. Man weiß nix übereinander, drückt sich aber. Die ganz Harten umarmen alles und jeden bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Umarmenumarmenumarmen ... drückdrückdrück ... Bussibussi ... Schmatz

Hab ich was verpasst? Bin ich verklemmt? Vor ein paar Jahren war es noch üblich, den anderen einfach einen schönen Tag zu wünschen - oft sogar ohne Handschlag, alles so ganz ohne Körperkontakt. Zum Geburtstag gab man die Hand und gratulierte. Umarmen und Küsschen war für Familie, enge und langjährige Freunde sowie den Partner oder ein Ausdruck eines besonderen Moments. Man ging sparsam damit um. Das eigene Hautpflegeprogramm verteilte man nicht durchs Herzen wahllos auf allen möglichen anderen Wangen. Nicht jeder tastete einen ab. Man presste sich nur an Körper, deren Besitzer man extrem mochte. Man hielt sich ansonsten fern voneinander, was ja nicht gleich ein Zeichen von Unsympathie war. So legte man noch Wert auf die Schutzzone des eigenen Körpers, da durfte nicht jeder rein. Insgesamt war das alles vollkommen okay so.

Heute wird man schief angesehen, wenn man bei der Art Gruppenkuscheln nicht mitmacht - als wäre man ein autistischer Sozialphobiker. Ich weiß nicht, wann und vor allem warum das Umarmen und Bussibussigetue so inflationär geworden ist. Umarmen ist kein Zeichen von aufrichtiger Zuneigung mehr, sondern zu einer belanglosen Floskel geworden. So wie man "Wie geht's?" sagt und es nicht wirklich wissen will, umarmt man sich heutzutage eben. Was kommt als nächstes? Zungenküsse zur Begrüßung für den flüchtigen Bekannten? Kniffe in die Pobacken zum Abschied für den Zuproster auf der Party?  Und sitzen sich Freunde dann künftig gegenseitig auf dem Schoß und tätscheln sich permanent den Kopf? Irgendwie muss man sich in Zeiten der Inflation ja noch steigern...

Dienstag, 30. Mai 2017

Alles neu

Neuerdings schauen die Menschen in den Gelben Seiten nach, wenn sie etwas suchen.

Neuerdings googeln die Menschen, wenn sie etwas wissen wollen.

Neuerdings sprechen die Menschen Probleme direkt bei dem an, der sie verursacht hat oder sie lösen könnte.

Neuerdings atmen die Menschen erstmal durch, bevor sie etwas äußern.

Neuerdings wissen die Menschen, dass ihre Meinung nicht zu allem gefragt ist.

Neuerdings kommentieren die Menschen nicht alles.

Neuerdings tolerieren die Menschen andere Meinungen.

Neuerdings setzen die Menschen auf Fakten und akzeptieren diese.

Neuerdings halten sich die Menschen an Orthographie und Interpunktion.

Neuerdings regen sich die Menschen erst auf, wenn es wirklich was zum Aufregen gibt.

Neuerdings sind die Menschen einfach mal still, wenn sie keine Ahnung haben.

Neuerdings glauben die Menschen (wieder) an das Gute und wittern nicht überall Verschwörung.

Neuerdings erfreuen sich Menschen an schönen Momenten und fotografieren sie nicht.

Neuerdings reden die Menschen miteinander statt übereinander.

Neuerdings greifen die Menschen zum Telefonhörer und nicht zur Tastatur.

Neuerdings chatten Freunde nicht, sondern verbringen Zeit miteinander.

Neuerdings gestalten sich Gespräche mit Gesichtern und ohne Emojis.

Neuerdings beginnt es mit einem Hallo von Mensch zu Mensch.

Neuerdings ist Ruhe im Internet.

Sonntag, 30. April 2017

Kluges Mädchen

Sie ist fünf Jahre alt. Sie hat einen Grad an Selbstbewusstsein und Schläue erreicht, der die Tante (mich) von Tag zu Tag unbesorgter sein lässt. Gut, okay, meine Nichte trägt Leggings in zweifelhafter Aufmachung voller Motive aus dem Disney-Streifen "Die Eiskönigin" und auch sonst viel Pinklilaglitzerfirlefanz, den sie noch dazu drei- bis fünfmal täglich per Umziehorgie wechselt - was ihr hoffentlich alles noch ausgetrieben werden kann, sich von selbst ergibt und/oder dann später wenigstens ordentlich peinlich ist. Aber ansonsten hat sie echt den Durchblick!

Wofür "Sex and the City" fast 100 Folgen und noch Kinoabklatsche brauchte, wofür ganze Ratgeberregale gefüllt werden, wofür fast jede sogenannte "romantische Kömödie" 90 Minuten und eine gefühlte Ewigkeit länger braucht, hat meine Nichte einen einfachen Test gefunden. Die Suche nach dem Mann fürs Leben ist mit diesem Test, diesem Weitblick, dieser Konsequenz und vielleicht auch einer Portion Ignoranz eine Leichtigkeit. Zumindest kann man einen bestimmten Typ "Mann" per Test von vornherein ausschließen - die Schwuppe. Schwuppen sind Wesen, die als Mann gezählt werden, dafür aber eindeutig zu wenig Testikelpower haben (eine genauere Definition findet sich hier). 

Es ist ganz einfach ... 


Meine Nichte sagt, dass sie einen Mann heiraten wird, der gerne Äpfel isst. Und zwar ungeschälte Äpfel. Denn unter der Schale, doziert sie, stecken die Vitamine. Schön, meine Nichte sorgt sich um das Wohlergehen ihrer Mitmenschen und besonders um das Wohlergehen ihres Partners, das allein ist schon gut. Zudem, so referiert sie weiter und rollt dabei mit ihren großen Kulleraugen, kann man einfach keinen Mann heiraten, der sich einen Apfel - so er ihn denn überhaupt isst - von seiner Mama schälen lässt! Nein, das geht gar nicht! Recht hat sie. Ein Kerl(chen) mit so wenig Biss, dass die Schale eines Apfels schon zu viel ist und ein Wesen, das - noch dazu - beim Entfernen selbiger auf die Hilfe seiner Mutter setzt, ist kein partnerwürdiger Kandidat. Das ist, als würde Muddi die Rinde vom Brot abschneiden ...

Gut. Okay. Jungs im Alter meiner Nichte sind freilich noch in einem Alter, in dem man(n) sich von seiner Mama helfen lassen darf. Doch die Grundidee meiner Nichte stimmt, zumindest stimmt sie mich im Kontext ihres weiteren Verhaltens zuversichtlich in Sachen ihrer (!) Zukunft. Meine Nichte hat nun diverse Kumpels aus dem Kindergarten eingehend unter dieser Prämisse betrachtet und ist zu dem Schluss gekommen, dass  sie Kevin* heiraten wird. Kevin** ist Äpfel mit Schale und beißt beherzt hinein. Der Rest der Kindergartenjungs ist durchs Raster gefallen ... was hoffentlich nicht heißt, dass da eine ganze Generation Schwuppen heranwächst!

* So, aha, hm, Kevin also ... ein Schelm, wer da über den Zusammenhang von Intellekt seiner Eltern und Namensgebung nachdenkt. Und gerade im Kontext dessen, dass seine Mama mal eine Schönheitskönigin war und ihr Heil in Thermomix, Kitchenaid und Eismaschine sucht, ist Kevin vielleicht auch nicht die optimale Wahl. Zumindest nicht eingedenk der Tatsache, dass frau ja immer auch die Familie irgendwie mitheiratet ... da kann ich nicht aus der Tantenhaut, da kommen Mutterinstinkte hoch. Kevin heiraten zu wollen wird ihr vielleicht noch ausgetrieben, ergibt sich von selbst und/oder ist ihr später wenigstens ordentlich peinlich. 

** Name geändert, ist aber ungefähr so schlimm wie das Original. 

Sonntag, 8. Januar 2017

Männer?! Irgendwelche Männer hier?

Immer häufiger rotiert mir diese Songzeile durch den Kopf "Ich seh so viele Männer und so wenig Eier". Mir gegenüber sitzt oder steht etwas, das im Zensus als Mann vermerkt wird. Und ich denke nur "Ich seh so viele Männer und so wenig Eier."

Weil es im Personalausweis steht, ist man männlich, ist man dann ein Mann? Nee. Oder? Was zur Hölle ist hier los? Ich bin so ein bisschen verzweifelt. Ich weiß nicht, woran das liegt, dass ich immer diese Songzeile denken muss. Ich seh so viele Männer und so wenig Eier. Liegt es an den Hormonen im Trinkwasser? Oder warum sind die Männer weg? Ich sehe kaum noch echte.

Ich sehe sogenannte "Männer" ... Im offensichtlichsten Falle tragen sie viel zu enge Hosen. Ja, "Männer" tragen Röhrenjeans. Sie zupfen sich die Augenbrauen. Oft sind ja die Augenbrauen das einzige, was in diesen bubihaften Gesichtern noch wächst. Bartwuchs haben die ja nicht mehr, vom "Dreitagebart", den die Ärzte besungen haben ganz zu schweigen. Oft sieht Frau dann schon: Der Kerl mir gegenüber ist einfach "schwuppe" - so nennt es eine Freundin, die definitiv mehr Eier in der Hose hat als die meisten dieser sogenannten Kerle. Lest hier mehr von ihr. Möge ihr Lebens- und Liebesweg gepflastert sein mit echten Männern, ich wünsche es ihr.

Aber ich bin in Sorge. Es gibt einfach zu viele Schwuppis. Und das Äußerliche ist es nicht mal, es ist ihr Innerstes - doch merke: Inhalt und Form gehen da meist Hand in Hand eines kraftlosen Seins. Sie sind so wischiwaschi wie ihr Händedruck. Kein Arsch in der Hose. Entscheidungen treffen sie nicht, die lamentieren und labbern, bis eine mit Eiern in der Hose kommt, die Lage schnell beurteilt und kurzen Prozess macht.

Wollen die Schwuppis witzig sein, zitieren sie andere. Sie haben eben keinen eigenen Witz. Sie haben keinen Biss, keinen Kampfgeist, kein Durchhaltevermögen, keine eigene Meinung und sie haben keine Haltung - in keiner Lebensfrage, in keiner Lebenslage. Ich will ja nicht sagen, dass sie wie ein Schluck Wasser in der Kurve wirken. Es ist mehr so ein Sitzsack. Formlos irgendwie, kein Rückgrat. So stehen und sitzen sie mir und anderen Frauen gegenüber. Ein Kick von uns und wir haben dem Sitzsack nach unserem Geschmack Form gegeben. Wie langweilig kann man(n) sein ... Ich halte es übrigens auch für ein Gerücht, dass solche "Männer" Geschlechtsverkehr haben, egal wie oft sie es betonen - jedenfalls haben sie den nicht mit echten Frauen. Diese "Männer" haben doch Schiss vorm weiblichen Alphatier, der Alphapussy.

Aber Herrenwitze machen sie, um die klein zu halten, denen sie nicht gewachsen sind. Diese Art "Männer" ist obendrein hinterfotzig. Vor allem Frauen gegenüber, die es im Gegensatz zu ihnen einfach drauf haben. Diese "Männer" scheuen Konfrontation und klare Worte, die ducken sich, die mucken nicht. Die pullern niemals gegen den Wind. Unsereins pinkelt ja sogar noch gegen den Gegenwind.

Ist das alles der Preis für die Emanzipation? Hat Alice uns das eingebrockt? Liegt es daran, dass man meinem Geschlecht den "Girls Day" zur Berufsorientierung gab und es erst später einen Tag extra für Jungs gab? Na gut. Vielleicht liegt es auch an Frauen wie mir. Frauen wie mich nennt so ein "Mann" dann "Mannsweib" und sagt, dass ich Haare auf den Zähnen habe. Muss ich ja auch. Aber was kann ich dafür, dass die Gegenpartei ihren Job einfach nicht richtig macht?

Sonntag, 13. November 2016

Nackige Affen

Es ist so verdammt heiß. Ich kann nicht anders.

In kleinen Tropfen rinnt der Schweiß von meinem Nacken über mein nacktes Schlüsselbein, verfehlt den Nippel meiner linken Brust nur knapp, gleitet die Rundung entlang weiter, perlt über den Bauch, verschwindet zwischen meinen Schenkeln ...

... und schlägt auf meinem linken Fuß auf, wo er sich zwischen all die anderen Tropfen mischt. Ein Glühen.

Warme Füße, richtig warme Füße. Damit hatte ich erst mit meinem Einzug in die Hölle gerechnet. Nun habe ich ein anderes Mittel entdeckt. Es nennt sich Sauna. Da sitze ich.

Ich soll mich hier entspannen.

Ich fussele irgendwie. Oder das Handtuch, mit dem ich mein Gesicht abtupfe. Einer von uns beiden fusselt.

Na. Irgendwas ist ja immer.

Ich soll mich hier entspannen.

Immer schön entspannen...

Ich soll mich entspannen. Los! Jetzt! 

Ich teile mir die heiße Kabine mit drei Herren. Die sind zusammen hier, die haben auch drei Ruheliegen direkt nebeneinander in Beschlag genommen. Als ich mir nach dem Abduschen noch ein heißes Fußbad genehmigte, verschwanden sie in der Sauna.

Als ich den Holzverschlag betrat, waren die drei Sanduhren an der Wand, die den Saunagängern die als ideal verstandenen 15 Minuten verinnende Zeit bezeugen sollen alle umgedreht und krümelten so vor sich hin. "Macht Sinn, alle Uhren zu benutzen, wenn man so zu dritt zeitgleich eine Sauna betritt", dachte ich, nahm mein Handtuch ab, breitete es aus und platzierte meinen Hintern drauf.

So sitze ich also hier. Ich schwitze. Sie schwitzen. Wir alle schwitzen. Wir alle sitzen. Das Trio mir gegenüber.

Der Pelzige starrt auf einen Punkt zwischen seinen Füßen. Er tropft und tropft. Mehr macht er nicht.

Der Schrumplige ... nun ja, seines in der Haut versenkten Zeichens ist er der schrumpligste der drei ... starrt den Langen neben sich an. Der räuspert sich. Dann holt er aus. Er hat seine Akten mal wieder sortiert, sagt er. "Was?!", fragt der Schrumplige. Der Lange wendet sich ihm zu und wiederholt. Laut und deutlich. "Was?!", wiederholt daraufhin der Schrumplige.

Der Lange dreht sich wieder zur Mitte und starrt mit zusammen gekniffenen Augen auf die Wand mit den Sanduhren, schiebt das Kinn vor und lässt es enttäuscht sinken. Der Moment der Stille währt kurz.

Er habe während dieser Aufräumaktion interessante Papiere in die Hand bekommen, schildert der Lange. Der Schrumplige starrt ihn von der Seite an. Der Pelzige verdreht die Augen.

1998 hat er für einen Kubikmeter Erdaushub mit Entsorgung und allem Drum und Dran laut Akten umgerechnet 80 Euro bezahlt. "Ich hab das wegen der Anschaulichkeit schon mal umgerechnet", wendet er sich an den Schrumpligen und den Pelzigen - als erwarte er Lob.

Der Schrumplige starrt ihn ohne jede weitere Regung mit großen Augen an. Der Pelzige schüttelt den Kopf. Der Lange kneift die Augen zusammen.

Und fährt fort.

Im Frühjahr habe er nun 220 Euro für die gleiche Leistung bezahlt, verdeutlicht der Lange. "Ich hab das Schwarz auf Weiß, ich weiß, was da dahinter steckt", hebt er seine Stimme noch eines an. "Was?!", fragt der Schrumplige.

"Nee, falsche Frage, bitte nicht!", denke ich.

"Ja, richtig!", jubiliert der Lange aufs "Was?!" hin. Der Pelzige und ich stützen unseren Kopf in beide Hände, blasen die Wangen auf und prusten die Luft aus, dass die Lippen kurz vibrieren.

Also jeweils. Jeder für sich.

"Da ist es mir egal, was die sagen, alles ist teurer geworden. Das habe ich in den Akten", echauffiert sich der Lange. Er hat seinen Oberkörper voll aufgerichtet, das Stimmvolumen nimmt dadurch ein bisschen zu. "Die da bei der EZB haben doch keine Ahnung", wettert der Lange. Der Schrumplige starrt ihm auf den Mund, seine linke Hand knickt sein linkes Ohr noch etwas weiter vor. Der Pelzige sinkt noch eins weiter in sich zusammen.

"Das ist Inflation!", dreht sich der Lange weiter nach rechts dem Schrumpligen und dem Pelzigen zu. Der Zeigefinger seiner rechten Hand ist nach oben gereckt. "Das ist die reine Inflation, ich weiß das! Das ist wie '29. Die können mich nicht für dumm verkaufen!"

"Ja, na klar! Weil du ja ganz offensichtlich damals schon dabei warst, guck dich doch mal an!", denke ich, als ich auf einen seiner Hautlappen mit Pigmentflecken starre. Sogleich wird mir schlecht. Wobei ich nicht weiß, ob ich mich für meine üblen Gedanken schäme oder ob es der Anblick ist, wobei ich mich dann wiederum dafür schämen sollte ...

Gerade als ich hoffe, die Erde möge sich auftun und mich verschlingen, damit ich in der Hölle ewige Ruhe und Entspannung finde, steht der Pelzige auf und geht - wort- und grußlos.

"Is schon so weit?!", fragt der Lange. "Was?!", murmelt der Schrumplige. "Is schon so weit?!", wiederholt der Lange und deutet mit zusammen gekniffenen Augen und einem Nicken gen Sanduhren. "Was?!", fragt der Schrumplige.

"Also meine Zeit ist um!", winkt er einen Atemzug später und geht. "Brillen", hechtet der Lange hinterher, "Brillen sind auch teurer geworden, speziell wenn man so sehschwach ist wie ich. Ich habe da noch Belege und ich habe umgerechnet wegen der Anschaulichkeit, da erkennt ihr es ganz deutlich!"

Dienstag, 18. Oktober 2016

Das schönste Gefühl der Welt

Wohlwollend formuliert: Sie zieht eine Schnute. In Wirklichkeit: Es ist ein Flunsch. Meine kleine Nichte ist vier Jahre alt. Sie sitzt auf einem Stuhl in einer Küche in einem Ort mitten im Nirgendwo Brandenburgs - dieser Ort ist für mich besser bekannt als der schönste Ort auf Erden. Und sie zieht einen Flunsch. 

"Ich habe Langeweile", verkündet meine Nichte und zieht damit mal für einen kurzen Moment ihre Mundwinkel nach oben, lässt die Schultern gleichzeitig noch tiefer sinken. Dann flunscht sie weiter. "Das ist doch schön", sagt ihr Vater, mein ältester Bruder. "Genieß es. Du wirst nie wieder Langeweile haben, wenn du erwachsen bist."

Mein Bruder ist der klügste Mann auf Erden, denke ich. Recht hat er ja auch oft. In diesem Fall bestimmt. Ist man erwachsen, kommentiert man vielleicht einige Dinge mit "Laaaaaaangweilig!" und findet einige Dinge auch wirklich langweilig. Diverse Arbeiten auf Arbeit und im Haushalt. Diverse Produktionen im Fernsehen. Einige Bücher. Oder Bücher grundsätzlich. Vielleicht geht man sogar so weit, bestimmte Menschen langweilig zu finden. Oder die eigene Beziehung und/oder das Sexleben. Vielleicht führt man ein langweiliges Leben oder meint, ein langweiliges Leben zu führen. Aber wirkliche echte Langeweile, eine wie meine Nichte sie gerade hat, hat man nicht.  Pure Ödnis im eigenen Tun und Denken ist fremd und fern, wenn man erwachsen ist.

Es gibt immer was zu tun. Oder - schlimmer noch - was zu denken. Einfach mal mit einem Flunsch auf einem Küchenstuhl sitzen zu können und die pure Langeweile zu empfinden, das ist uns Erwachsenen nicht mehr vergönnt. Wenn man erwachsen ist, geht man arbeiten und verdient Geld, um Rechnungen und Dinge zu bezahlen, die einem das Leben als Erwachsener so einbrockt oder die man meint als Erwachsener haben zu müssen. Man denkt und denkt und denkt. Man macht und tut, und tut und tut. Macht und tut man mal nicht(s), denkt man über das nach, was man gemacht und getan hat oder noch machen und tun müsste ... und könnte ... oder sollte. Die Wohnung renovieren. Mehr Geld verdienen. Noch ein Projekt anschieben. Die Steuerunterlagen abheften. Den Kleiderschrank ausmisten. Einen Termin vereinbaren. Bei der Autoversicherung sparen. Fix noch Milch kaufen gehen.

Oder man pflegt ein Hobby. Nichtstun zählt für Erwachsene nicht als gutes Hobby. Alles darf aufkommen - bloß keine Langeweile. Man muss irgendwie immer irgendwas tun oder zu tun haben, wenn man erwachsen ist. Sich mit Leuten treffen. Sich unterhalten und unterhalten lassen. Ausgehen. Oder zum Sport. Wellness. Eine Gurkenmaske ist höher angesehen als Langeweile. Man muss was für die eigene Bildung tun. Man muss was gegen das kleine Bäuchlein tun. Einen Tatort sehen, über den am Montag auf Arbeit dann jeder spricht oder sprechen sollte. Man muss im Internet surfen und übellaunige Diskussionen bei Facebook verfolgen. Man muss informiert sein. Oder man meint zu müssen.

Aber niemand gibt zu, dass man sich mal auf den Küchenstuhl setzen, dem Vakuum Raum geben und so richtig Langeweile haben müsste. Es gibt dann nichts zu tun und man hat nichts zu denken. Es ist nichts los. Das schönste Gefühl der Welt.

Freitag, 23. September 2016

Besoffene Räder

Das wäre jetzt alles nur halb so stressig, wenn ich vernünftige Unterhosen tragen würde. „Deine Schlübber geht ja gar nicht mal übern Po“, wird meine vier Jahre alte Nichte in ein paar Tagen mahnen. Noch ahne ich nichts davon.

Es ist Samstag in Brandenburg. Morgens. 5 nach 9. Ich bin allein und sitte das Haus meiner Familie. Bruder, Schwägerin, Neffen und die Nichte mit dem erhobenen Zeigefinger, der auch noch am letzten bisschen Schlübberstoff zupft, sind im Urlaub.  Die vergangenen sieben Tage war ich allein und es ist gar nichts passiert.

Also es ist schon was passiert. Die Sonne ging auf und unter. Wolken haben sich übers Blau geschoben. Die Hühner haben draußen im Garten gepickt. Die Katzen haben rumgelegen. Ich hatte im Kern der Sache nicht viel mehr zu tun, als meinen Stoffwechsel zu betreiben. Es ist wirklich nichts passiert.

Auch nicht in diesem meiner Generation so blöde anhaftenden Selbstfindungssinne, bei dem man über sich und das eigene Leben nachdenkt, als gehöre das so pflichtgemäß zur Existenz wie Rechnungen bezahlen und arbeiten gehen. Will heißen: „In mir“ - man soll ja immer schön nach innen horchen - ist auch nichts passiert. Ich glaube, ich habe nicht mal nachgedacht. Da wäre nichts in mir zu hören gewesen. Ich war da. Sonst war nix.

Und nun bricht dieser Stress los. Es ist 15 nach 9. Ich habe einen wichtigen Termin. 9.40 Uhr kommt der rollende Bäcker ins Dorf. Ich brauche Brot. Der Stoffwechsel ruft danach. Und ich habe nur eine Schlübber an, die nicht mal den Po bedeckt und ein Shirt mit einem Fettfleck drauf. Okay. Ich bin in Brandenburg, aber so kann ich nicht die rund 300 Meter vor zum Stellplatz des rollenden Bäckers gehen. Eine Kittelschürze sollte ich mir wenigstens überziehen.

Ich habe keine. Es ist 22 nach 9, als ich diese Erkenntnis gewinne. Und Lust auf einen Kaffee. 26 nach 9 spuckt die Pad-Maschine mir die Tasse aus. Die Ereignisse überschlagen sich. Ich bedecke meinen Hintern mit einer Shorts. Ich schlürfe Kaffee.

Käffchen. Erstmal Käffchen.
Es ist 33 nach 9. Schulzens Bärbel - die Nachbarin, eine kleine Frau mit Grübchen und Rentenbescheid - rollt mit ihrem Fahrrad Richtung Verkaufsplatz an der Bushaltestelle los. Ich werde Schlange stehen müssen, meine Synapsen feuern grad wie wild. Schulzens Bärbel mit ihrem prallen Stoffbeutel am Lenker ist uneinholbar.

Schicker Lack. Aber keine Chance gegen Bärbel.

35 nach 9 steige ich aufs Rad. 36,5 nach 9 bin ich da. Schulzens Bärbel ist da, ein Dutzend anderer Frauen sind da. Gerade habe ich den Altersdurchschnitt auf 60 Jahre gedrückt. Ich grüße reihum alle und wünsche "Guten Morgen". Mit Nicken nimmt man mich zur Kenntnis.

39 nach 9. „Jetzt müsste er um die Ecke kommen“, sagt die Frau in der zerschlissenen Jeans. So weit ich mutmaßen kann, trägt sie eine ordentliche Schlübber. Zumindest eine, die den Po bedeckt. Kein Wagen zu sehen. 43 nach 9. „Nicht, dass die in Wiese wieder das ganze Brot wegkaufen“, sagt die in der Kittelschürze. Panik steigt in meinem Stoffwechsel auf.

46 nach 9. Ein Mann in Cordjacke, gerade eben stand er noch mit den kittelbeschürzten Damen unter dem Dach der Bushaltestelle, kommt auf mich zu. „Die Damen und ich, ja, wir rätseln grad“, deutet er auf vier Frauen hinter sich. „Wir rätseln, wer sie eigentlich sind!?“ Meinen Namen zu nennen, macht jetzt keinen Sinn. Ich wollte nie Zahnarztgattin werden, jetzt stelle ich mich vor als „Ich bin die kleine Schwester vom Steinmetz.“ 47 nach 9. Eine Diskussion bricht los. „Blöde Frage, sag mal! Das sieht man ja wohl, guckste mal die Oogen, der Schelm is drinne“, sagt die Frau in den zerschlissenen Hosen. „Dit is doch nich das erste Mal, dit die hier is“, zeigt Schulzens Bärbel dem Mann einen Piepvogel. Ihre Grübchen sind einen Zentimeter tief. „Na aber, wir waren uns jetzt nicht sicher, wir wohnen ja am anderen Ende vom Dorf“, verteidigt sich der Mann.

"Meine" Seite vom Dorf.
52 nach 9. „Läuft ein Graben durch mein Idyll? Ist dies ein zweigeteiltes Dorf?“, frage ich mich. „Der Thomas is doch in Frankreich“, erläutert Schulzens Bärbel kenntnisreich. 53 nach 9. Ein Fahrrad fällt um. Ein Beutel mit Birnen hing am Lenker. Schlecht fürs Gleichgewicht. Lecker Saft. Bärbel stürzt los, die gefallenen Früchtchen zu bergen. „Dein Fahrrad ist besoffen“, lacht die Frau in den Jeans.

„Is ja gar nich meins“, erwidert Bärbel und lacht noch lauter. „Is deins! Dein Fahrrad is besoffen!“ 54 nach 9. Wessen Fahrrad besoffen ist, kann vorerst nicht geklärt werden. Der Bäcker kommt. Ihm folgt das Fleischer-Mobil. 55 nach 9 haben beide die Wagen geparkt, die Klappen gehen auf. Vier Brote noch. Und fünf Frauen vor mir. Als ich über den Alkoholgehalt von Diamant-Rädern nachdachte, haben sich die alten Frauen von der Bushaltestellenbank wohl an mir vorbei geschoben.

58 nach 9. Die Frau vor mir kauft das letzte Sonnenblumenkernbrötchen. 59 nach 9. Ich wähle vier normale Brötchen aus der Palette von ganzen acht normalen Brötchen. Ich bin selig. Keine Wahl zu haben, ist schön. „Beutel?!“, fragt die Bäckersfrau. „Haste? Oder haste nich dran gedacht, wah?“, mischt sich Bärbel ein, „kannste aber meinen nehmen, hängt am Rad!“ Ich winke ab. Stolz recke ich meinen Stoffbeutel in die Höhe und die Bäckersfrau nickt. Anerkennend, meine ich. 

3 nach 10. Ich winke Schulzens Bärbel und wünsche einen schönen Tag. Sie fährt noch 15 Meter weiter. Ich biege ab. Ich schreibe meinem kleinen Bruder, was gerade alles passiert ist. Er sagt, ich soll mich erstmal ausruhen. Ich suche eine Schlübber mit Stoff überm Po und leg mich wieder hin. Hoffentlich passiert nix.